CfP: Gewalträume einer Grenzregion. Lothringen 1870 - 1962

CFP
Datum: 
Donnerstag, 5. März 2015 (ganztägig) - Freitag, 6. März 2015 (ganztägig)
Teilprojekt: 
Ort: 
Centre Marc Bloch, Berlin
Kontakt: 
Kontaktmail: 
Deadline: 
Montag, 1. September 2014 (ganztägig)

Das anhaltende Interesse der Geschichtswissenschaft an Phänomenen der Gewalt wurde zuletzt wieder anhand der Debatten über Timothy Snyders Buch Bloodlands (2010) deutlich. Von Snyder angeregt, vor allem aber aufbauend auf den Arbeiten des Soziologen Trutz von Trotha, interessiert sich neuerdings eine wachsende Zahl von Historikern für einen phänomenologischen Zugriff und damit für eine dichte Beschreibung (Clifford Geertz) physischer Gewalt. Damit einher geht die Forderung, Gewalt nicht als Devianz oder Ausnahmefall einer bestimmten Ordnung einzuordnen, sondern als fundamentalen und strukturierenden Bestandteil derselben. Die Kategorie des Raumes spielt in diesen Forschungen eine
wachsende Rolle.

Die am Centre Marc Bloch in Kooperation mit dem Frankreich-Zentrum der FU-Berlin und der der Maison des Sciences de l’Homme Lorraine organisierte Tagung greift diese Impulse der jüngeren Gewaltforschung auf und konzentriert sich dabei auf Lothringen in den Jahren 1870 bis 1962. In dieser Zeit wurde Lothringen zum Schauplatz des deutsch-französischen Kriegs von 1870, der beiden Weltkriege, militärischer Besatzung und massenhafter Vertreibungen. Darüber hinaus bewirkten unter anderem die Grenzlage und die industrielle Prägung der Region, dass dort lebende Migranten, vor allem Algerier und Italiener, in Kriegs- aber auch in Friedenszeiten in gewaltsame Auseinandersetzungen gerieten. Insofern bietet die lothringische Geschichte für die historische Gewaltforschung ein reiches Feld, dem sich die Tagung über den Begriff des „Gewaltraums“ annähern will. Drei Zugänge stehen dabei im Vordergrund:

Unter "Gewaltraum" kann eine zeitlich begrenzt existierende soziale Formation verstanden werden, in der physische Gewalt die von den beteiligten Akteuren primär erwartete Form der Interaktion ist. Konstitutiv für die gewalttätigen Handlungen sind dabei die Bedingungen und Effekte des physischen und sozialen Raums, in dem diese stattfinden. So konnte die Innenstadt von Metz für einen Résistance-Kämpfer während des Zweiten Weltkriegs ebenso zum Gewaltraum werden, wie ein abgelegenes Arbeiter-wohnheim für einen Algerier während des algerischen Unabhängigkeitskriegs. Auf der Grundlage dieses Zugangs sind in einem ersten Schritt dichte Beschreibungen einzelner von physischer Gewalt geprägter Ereignisse nötig, die sich in Lothringen zwischen 1870 und 1962 ereignet haben, um ausgehend davon deren Logiken, Ortsgebundenheit und ordnungsstiftende Dynamiken in den Blick zu nehmen.

Zweitens wird nach Diskursen, insbesondere Legitimationen und Erinnerungen der Gewalt gefragt, die für Lothringen prägend und spezifisch sind. Gerade in der Region führten Herrschaftswechsel und unterschiedliche Ansichten auf deutscher, französischer, aber auch auf algerischer, italienischer und polnischer Seite in den Kontexten von Krieg, Besatzung, Repression und Rassismus dazu, dass ausgrenzende bzw. stigmatisierende Begriffe wie etwa "Rebell", "Nationalist", "Besatzer", "Terrorist", "Separatist" in unterschiedlichen Kontexten in ihrer Bewertung und Auslegung stark variierten. Beiträge über die Schwankungen und Veränderungen stigmatisierender Diskurse und deren Zusammenhang mit Gewalt in Lothringen sind hierfür ebenso interessant, wie die über die Entstehung und Veränderung des Erinnerns an die Gewalt – etwa die Verdrängung der Erinnerung an den deutsch-französischen Krieg von 1870 durch das Gedenken an den Ersten Weltkrieg. Entscheidend ist hier die Hervorhebung der Bedeutung der diskursiven Ebene für das Entstehen, die Legitimation bzw. das posthume Verschleiern der einzelnen zu untersuchenden Gewalträume.

Schließlich wird nach überregionalen Verflechtungen von Gewalträumen über Lothringen hinaus gefragt. Die zwischen 1870 und 1962 erfolgten Vertreibungen und Militäreinsätze der Bewohner Lothringens hatten Auswirkungen, die von Nord-Algerien Ende des 19. Jahrhunderts bis zur deutsch-russischen Front während des Ersten Zweiten Weltkriegs reichten. Hier soll danach gefragt werden, welche Art der Verflechtungen mit anderen Regionen die in Lothringen ausgeübte Gewalt bewirkte, welche räumlichen Transfers der Gewalt beobachtet werden können und wie diese jeweils gedeutet wurden.

Bitte senden Sie Ihr Abstract (maximal 3. 000 Zeichen) in deutscher, französischer oder englischer Sprache mit einem kurzen Lebenslauf bis zum 1. September 2014 an hardt[AT]cmb.hu-berlin.de. Kosten der Anreise, Verpflegung und Unterkunft werden, vorbehaltlich einer endgültigen Förderzusage, übernommen. Eine Publikation der Konferenzbeiträge ist angestrebt.

Ort der Tagung: Centre Marc Bloch (Berlin)
Termin: 5. – 6. März 2015
Organisation : Lucas Hardt (CMB)
In Kooperation mit: Frankreich-Zentrum der FU-Berlin, Maison des Sciences de l’Homme Lorraine.
Comité scientifique: Priv. Doz. Dr. Daniel Schönpflug (CMB), Lucas Hardt M.A. (CMB), Prof. Dr. Anne Kwaschik (FU Berlin), Prof. Dr. Raphaёlle Branche (Paris 1 Panthéon-Sorbonne), Prof. Dr. Béatrice Fleury (MSH Lorraine), Prof. Dr. Jacques Walter (MSH Lorraine)

Angehängte Dateien: 
Permanente URL: http://www.saisirleurope.eu/node/5122

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