Teresa Koloma Beck

Status: 
Gruppenleitung
Schwerpunkte: 
Politische Soziologie der Weltgesellschaft, insbesondere mit Blick auf Konflikte und Gewalt
Teilprojekt: 
Urbane Gewalträume

Institut: 
Centre Marc Bloch

GEWALTKONFLIKTE UND GLOBALISIERUNG

Zu den Dynamiken der Globalisierung gehören nicht nur Prozesse fortschreitender ökonomischer, politischer und kultureller Integration, sondern auch Konflikte, die im Horizont der Weltgesellschaft ausgetragen werden. Vor dem Hintergrund wachsender medialer, ökonomischer, sozialer und (sicherheits-)politischer Vernetzungen ist Entgrenzung eines der kennzeichnenden Merkmale solcher Konflikte. Dabei bedeutet Entgrenzung mehr als Grenzüberschreitung. Der Begriff verweist auf die Multiplikation der für einen Konflikt relevanten Orts- und Raumreferenzen. Angesichts dieser Multireferentialität lassen sich diese Konflikte nicht auf einen Ort und auch nicht auf eine Region zurechnen; sie sind nicht ›lokal‹, ›national‹ oder ›regional‹ sondern werden plurilokal im Horizont der Weltgesellschaft ausgetragen.1 Sozialtheoretisch sind diese Dynamiken bisher jedoch nur wenig diskutiert. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass Globalisierung zumeist im Paradigma der Integration definiert und mit der Expansion und Intensivierung informationeller, ökonomischer, politischer und auch kultureller Vernetzung assoziiert wird. In dieser Perspektive erscheinen Konflikte, insbesondere Gewaltkonflikte, als Störfälle globaler Integrationsdynamiken.

Vor diesem Hintergrund widmet sich die Forschung dem Verhältnis von Globalisierung und Gewaltkonflikten. Im Zentrum steht die Frage, welche Rolle Gewaltkonflikte für die Produktion von Globalität spielen. Wie werden in plurilokalen Gewaltkonflikten Orte und Räume produziert und zueinander in Beziehung gebracht? Wie lassen sich diese Prozesse theoretisch fassen und empirisch systematisch untersuchen? Konzeptioneller Ausgangspunkt ist die Verbindung klassischer Konfliktsoziologie mit kommunikationstheoretisch-konstruktivistischen Theorien der Globalisierung. Erstere rekonstruiert Konflikte als Formen der Vergesellschaftung, die über die Verhandlung eines Widerspruchs soziale Strukturen (re)produzieren und verändern.2 Letztere beschreibt Globalisierung als Produkt von Beobachtungs- und Kommunikationsprozessen, die zu einer Konvergenz von Vorstellungs- und Erwartungshorizonten führen und die Fiktion eines »globalen Publikums« bzw. einer Weltöffentlichkeit hervorbringen und unterhalten.3 In der Kombination beider Ansätze entsteht ein veränderter Blick auf das Verhältnis von Globalisierung und Konflikt. Sie eröffnete eine Perspektive, in der (Gewalt-)Konflikte nicht mehr nur als Störfälle oder Gegenkräfte der Globalisierung erscheinen. Stattdessen wird das Augenmerk auf die produktiven Wechselbeziehungen zwischen Konflikt-, Gewalt und Globalisierungsdynamiken gelenkt. Der Verschränkung von Konfliktdynamiken und globalen Beobachtungs- und Kommunikationsprozessen kommt dabei zentrale Bedeutung bei.4  

Im Kontext der Nachwuchsgruppe Gewalträume weist das Forschungsprojekt auf die Wechselbeziehungen zwischen gewaltsamer Interaktion einerseits und der Beobachtung dieser Interaktion durch Dritte sowie die daran anknüpfenden Kommunikationsprozesse andererseits hin. Indem es herausarbeitet, wie die Beobachtung von und die Kommunikation über Gewaltereignisse Orte und Räume miteinander verbindet, lenkt es die Aufmerksamkeit auf die translokalen Effekte der Gewalt.

  1. In der Forschung werden diese Konflikte inzwischen häufig mit dem Attribut »transnational« versehen. Dieser Begriff wird hier bewusst nicht verwendet, weil er letztlich an die Vorstellung von Nationalstaaten gebunden ist und deshalb stärker die Vorstellung einer Grenzüberschreitung, denn die der Entgrenzung evoziert.

  2. Siehe vor allem Simmel, Georg. 1992. Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung. Frankfurt/Main: Suhrkamp, S. 284 ff., sowie Coser, Lewis A. 1956. The functions of social conflict. Glencoe: Free Press.

  3. Siehe beispielsweise Meyer, John W. 2010. World Society, Institutional Theories, and the Actor. Annual Review of Sociology 36, 1-20. Heintz, Bettina und Tobias Werron. 2011. Wie ist Globalisierung möglich? Zur Entstehung globaler Vergleichshorizonte am Beispiel von Wissenschaft und Sport. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 63, no. 3: 359-394. Werron, Tobias. 2012. Schlüsselprobleme der Globalisierungs- und Weltgesellschaftstheorie. Soziologische Revue 35, no. 2: 99-118.

  4. Für einen Aufriss dieser Problematik siehe Koloma Beck, Teresa und Tobias Werron. 2013. Gewaltwettbewerbe. ›Gewalt‹ in globalen Konkurrenzen um Aufmerksamkeit und Legitimität. In Ordnung und Wandel in der Weltpolitik. Konturen einer Soziologie der Internationalen Beziehungen. Herausgegeben von Stephan Stetter. Baden-Baden: Nomos,  239-267.

 

BIOGRAPHIE

Teresa Koloma Beck studierte Politikwissenschaften am I.E.P. Paris (Diplomée de Sciences Po) und Ökonomie an der Universität Witten/Herdecke (Dipl.Oec). Der Schwerpunkt ihrer akademischen Arbeit liegt in der sozialwissenschaftlichen Forschung zu Gewaltkonflikten. Am Centre Marc Bloch leitet sie die deutsch-französische Nachwuchsgruppe »Violence et espaces | Gewalträume« im deutsch-französischen Forschungsprojekt Saisir l’Europe – Europa als Herausforderung. Zuvor vertrat sie eine Professur für International Conflict Management an der Willy Brandt School of Public Policy an der Universität Erfurt. Von 2009 bis 2012 arbeitete sie im Rahmen des Forschungsprojekts »The Politics of Building Peace« am Zentrum für Konfliktforschung der Universität Marburg zu Aufarbeitungs- und Transformationsprozessen in Nachkriegsgesellschaften. Von 2004 bis 2009 war sie Mitglied der Nachwuchsgruppe »Mikropolitik bewaffneter Gruppen« an der Humboldt-Universität zu Berlin; im Rahmen dieser Tätigkeit entstand ihre Dissertation zu Normalisierungsprozessen in Bürgerkriegen. Vor ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit arbeitete sie in der Organisationsberatung. Sie ist Mitglied des Arbeitskreises »Gewaltordnungen« der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW), der Sektion »Politische Soziologie« in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie und des DFG-Netzwerks "Konkurrenz". Ihre Forschung zu Kriegs- und Nachkriegsgesellschaften führte sie für jeweils halbjährige Feldforschungen nach Angola (2005/06) und Mosambik (2010).

 

AUSGEWÄHLTE PUBLIKATIONEN

im Erscheinen, "Widerstand und Herrschaft in der Weltgesellschaft. Einleitung zum Forum", Zeitschrift für Internationale Beziehungen (peer-reviewed)

im Erscheinen »Krieg und Gewohnheit. Phänomenologische und pragmatistische Perspektiven auf verkörpertes Gedächtnis in Bürgerkriegen«, in Oliver Dimbath und Michael Heinlein (Hgg.), Der Körper als Gedächtnis? Potenziale und Grenzen praxistheoretischer, alltags- und körpersoziologischer Zugänge zu sozialem Erinnern und Vergessen, Wiesbaden: Springer-VS

2014 »Analyse des phénomènes de violence au regard de l’espace«. Revue de l’Institut Français d’Histoire en Allemagne, No. 6 (mit Ariane Jossin, im Erscheinen)

2014 "Gewalt. Eine europäische Gretchenfrage", Secession. Ein Projekt der Europäischen Gesellschaft der Autoren (SEAU), http://www.seua.org/secession-teresa-koloma-beck-de/

2014 Gewalttheorien zur Einführung, Hamburg: Junius (mit Klaus Schlichte)

2013. "Violence et espace urbain. Un axe de recherche du réseau Saisir l’Europe". Revue de l’Institut Français d’Histoire en Allemagne, No. 5 (mit Ariane Jossin)

2013 “Forgetting the embodied past. Body memory in Transitional Justice.” In Susanne Buckley-Zistel, Christian Braun, Teresa Koloma Beck, and Friederike Mieth, Transitional Justice Theories. London: Routledge, 184-200

2013. Transitional Justice Theories. Ed. by Buckley-Zistel, Susanne, Christian Braun, Teresa Koloma Beck, and Friederike Mieth. London: Routledge

2013 "Redressing Violence in Africa", in Arrigo, Bruce, Bersot, Heather, The Routledge Handbook of International Crime and Justice Studies, London: Routledge, 471-492 (with Susanne Buckley-Zistel, Friederike Mieth, Julia Viebach)

2013. “Gewaltwettbewerbe. ‘Gewalt’ in globalen Konkurrenzen um Aufmerksamkeit und Legitimität.” In Stetter, Stephan, Ordnung und Wandel in der Weltpolitik. Konturen einer Soziologie der Internationalen Beziehungen (= Leviathan Sonderband 28), Baden-Baden: Nomos, 239-67 (mit Tobias Werron) (peer-reviewed)

2012 The Normality of Civil War. Armed Groups and Everyday Life in Angola, Frankfurt/Main: Campus

2011 "The eye of the beholder. Violence as a social process", International Journal of Conflict and Violence, 5 (2), 346-56 (peer-reviewed)

2009 "Staging society. Sources of loyalty in the Angolan UNITA", Contemporary Security Policy, Vol. 30 No. 2 (peer-reviewed)

2008 "’Manchmal unser einziger Halt…’. Mission, Kirche und Religiosität im angolanischen Bürgerkrieg", Interkulturelle Theologie, Vol. 34, No. 3, 274-281

2008 "Natur und Zivilisation im Habitus des Kriegers", in: Karl-Siegbert Rehberg (Hrsg.), Verhandlungen des 33. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Kassel 2006, Frankfurt a.M.: Campus (mit Klaus Schlichte)

2007 „Nature and civilization in the Habitus of the Warrior (Serbia and Angola)“, Working Papers Micropolitics No.1 / 2007, (mit Klaus Schlichte)

 

Aktuelle Publikationen

Koloma Beck, Teresa, Klaus Schlichte: "Theorien der Gewalt zur Einführung". Junius, 2014. Zusammenfassung
Koloma Beck, Teresa, Susanne Buckley-Zistel, Christian Braun, Friederike Mieth : "Transitional Justice Theories". a GlassHouse book, 2014.

 

Redressing Violence in Africa

Artikel
Teresa Koloma Beck

Koloma Beck, Teresa, « Redressing Violence in Africa », in Bruce Arrigo, Heather, Bersot, The Routledge Handbook of International Cr

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